Gewahrsein und Atmung


Um zu einem höheren Gewahrsein zu gelangen, führt kein Weg an der Atmung vorbei. Es sind vor allem diese Eigenschaften, die die Atmung zu einem treuen und unverzichtbaren Verbündeten des Gewahrseins machen:

 1. Die Atmung ist eine Körperfunktion, die permanent aktiv ist und im wachen Zustand jederzeit beobachtet werden kann.

 2. Die Qualität der Atmung ist abhängig von allen drei Kernbereichen des Gesamtsystems, also von Körper, Geist und Seele.

 3. Die Atmung ist ein im Prinzip unwillkürlicher Prozess, der aber auch willentlich gesteuert werden kann.

Ohne festen Bezugspunkt wäre es nicht möglich, ein relativ konstantes Gewahrsein zu entwickeln, denn Gewahrsein ist ein kurzlebiger Bewusstseinszustand, der permanent erneuert werden muss. Wegen dieser drei Eigenschaften ist die Atmung das optimale Instrument, um dem Gewahrsein kontinuierlich Halt zu bieten. Die Qualität unserer Atmung wird wesentlich bestimmt vom Atemvolumen, der Atemfrequenz und dem Atemrhythmus.

Das Atemvolumen pro Atemzug und die Atemfrequenz regulieren die Sauerstoffmenge, mit der unsere Körperzellen versorgt werden. Bei körperlicher Anstrengung wird die Frequenz automatisch hochgefahren, um den höheren Sauerstoffverbrauch zu kompensieren. Wenn wir uns im Ruhezustand befinden, sinkt im Idealfall die Atemfrequenz, während die Atemtiefe (Atemvolumen pro Atemzug) steigt. So können zum Beispiel bei einem Erwachsenen im meditativen Zustand fünf bis sieben Atemzüge pro Minute ausreichen.

Eine niedrige Atemfrequenz wirkt auf Körper, Geist und Seele beruhigend und stabilisiert das vegitative Nervensystem, das wiederum unsere wichtigsten Vitalfunktionen reguliert. Wenn wir ruhig und tief atmen, sorgen wir für ein homöostatisches Gleichgewicht auf allen drei Ebenen und leisten somit den vielleicht wichtigsten Beitrag für unsere körperliche, geistige und seelische Gesundheit.

Der Atemrhythmus sollte möglichst gleichmäßig sein, damit wir kontinuierlich im Takt und im Fluss sind. Welche negativen Folgen damit verbunden sind, wenn wir nicht im Rhythmus sind, zeigt sich besonders deutlich im Sport und in der Musik. Ob im Fußball, beim Skifliegen, in der Leichtathletik oder beim Snooker: ohne Rhythmusgefühl kann kein Sportler seine Spitzenleistungen abrufen. Was geschieht, wenn man in der Musik oder beim Tanz aus dem Takt gerät, bedarf keiner weiteren Erklärung.

Doch auch im gewöhnlichen Alltag hängt das Gelingen selbst der kleinsten Dinge davon ab, ob wir jeweils im Fluss sind oder nicht. Ein unter Stress gekochtes Essen schmeckt anders, als wenn der Koch bei der Zubereitung rhythmisch atmet und Körper, Geist und Seele tanzen lässt, denn unser Atemrhythmus wirkt sich unmittelbar auf unseren Denkrhythmus, Gefühlsrhythmus und Handlungsrhythmus aus. Man könnte also sagen: Wie wir atmen, so leben wir.

Bevor ich Ihnen einige Atemübungen vorstelle, die für die Entwicklung eines höheren Gewahrseins von besonderer Bedeutung sind, möchte ich Sie auf ein Phänomen aufmerksam machen, das vor dem Beginn der Übungen unbedingt beachtet werden sollte. Es könnte sein, dass Sie auf hartnäckigen Widerstand stoßen, sobald Sie versuchen, auf Ihre Atmung willentlich Einfluss zu nehmen. Das Gesamtsystem ist nämlich so intelligent, dass es für eine spezifische Situation immer die unter den gegebenen Umständen optimale Atmung auswählt. Bewertet das Gesamtsystem Ihre momentane Verfassung als lustvoll, dann wird es veranlassen, dass Ihre Körperzellen reichlich mit Sauerstoff versorgt werden. Die Lust- bzw. Schmerzempfindlichkeit einer Körperzelle hängt nämlich davon ab, wie hoch ihr Sauerstoffgehalt ist.

Dieses Phänomen kennen Sie sicher aus eigener Erfahrung. Immer wenn wir unserem Körper eine hohe Dosis an Lusteinheiten zuführen, sei es durch die Einnahme besonders schmackhafter Speisen und Getränke oder durch lustbetonte Handlungen, wird ein Impuls zum Stöhnen ausgelöst. Dabei atmen wir sauerstoffarme Luft kräftig aus und ersetzen sie durch eine gehörige Portion sauerstoffreicher Luft. Da Ihre Zellen nun über einen höheren Sauerstoffgehalt verfügen, können Sie die Lust intensiver auskosten als zuvor. Ein Paradebeispiel dafür sind die Atemaktivitäten vor, während und nach einem Orgasmus.

Wenn wir müde sind und trotzdem wach bleiben, gähnen wir. Dann ordnet unser Gehirn Etradosen an Sauerstoff an, um die Phase zu überbrücken, bis wir dem Bedürfnis nach Schlaf nachgeben. Ähnlich verhält es sich, wenn wir uns langweilen. Dann zwingen wir uns zu einer unnatürlichen Aufmerksamkeit, die mit einem höheren Sauerstoffverbrauch einhergeht und durch gelegentliches Gähnen kompensiert wird.


 Gewahrsein frei atmen

Je mehr Sauerstoff unsere Zellen bekommen, desto sensitiver werden sie.
Deshalb atmen wir automatisch tiefer ein, wenn wir uns wohlfühlen.

 

Das umgekehrte Phänomen tritt ein, wenn das Gesamtsystem drohende Unlusteinheiten wittert. Herrscht irgendwo dicke Luft, im wörtlichen oder übertragenen Sinne, dann neigen wir dazu, die Luft anzuhalten. So verringern wir den Sauerstoffgehalt unserer Körperzellen und damit gleichzeitig deren Schmerzempfindlichkeit. Entsprechendes gilt für alle Situationen, in denen wir uns unwohl fühlen. So kann die Angst vor dem Zahnarzt also durchaus Sinn machen, wenn sie dazu führt, dass Zähne und Kiefer schmerzunempfindlicher werden. Kontraproduktiv wirkt dieses Phänomen dagegen, wenn wir von Ängsten heimgesucht werden, während wir gleichzeitig hohen Leistungsanforderungen ausgesetzt sind.

Um uns vor der mit den Ängsten verbundenen Unlust zu schützen, fährt das Gehirn dann automatisch die Atemzufuhr herunter. Unsere Körperzellen erhalten weniger Sauerstoff und sind – wie beabsichtigt – weniger schmerzempfindlich. Besonders die Gehirnzellen sind dann aber auch weniger leistungsfähig, was zum Beispiel in Prüfungssituationen zu Blackouts und bei Prüfungsvorbereitungen zu Lernblockaden führen kann.

Diese Überlegungen machen deutlich, dass Eingriffe in die Atemaktivitäten problematisch sind, wenn die Lust/Unlust-Rahmenbedingungen dabei nicht berücksichtigt werden. Befindet sich jemand in einer chronischen Unlustphase, wie etwa in einer Depression, dann würden tiefere Atemzüge demjenigen außer mehr Schmerz nichts bringen. In solchen Fällen empfiehlt sich eine therapeutische Herangehensweise, bei der Schmerz nicht einfach nur ertragen oder medikamentös überlagert wird, sondern die schmerzauslösenden Energiezentren geortet und durch eine Kombination aus Spürbewusstsein, Gewahrsein und Reflexion allmählich aufgelöst werden.

Wo die tägliche Lust/Unlust-Bilanz weder extrem noch chronisch negativ ist, kann die Atmung mit Hilfe von Gewahrseinsübungen auch selbsttherapeutisch optimiert werden. Konkrete Anleitungen dazu finden Sie unter Punkt 1 auf der Seite Gewahrseinsübungen.

In dem auf der Seite Achtsamkeit und Gewahrsein – Synonyme? erwähnten Zitat von Krishnamurti beschreibt der Autor das Gewahrsein als ein aufmerksames Beobachten, das völlig frei ist von Motiven, Wünschen, Interpretationen und Verzerrungen. Auf die Atmung übertragen würde das bedeuten, sie einfach nur zu beobachten. Natürlich schwingt dabei im Hintergrund der Wunsch mit, dass sie sich durch diese Beobachtung positiv verändert, und dieser Wunsch geht auch in Erfüllung, wenn wir ihn im Hintergrund belassen. Wir sollten nicht versuchen, unsere Atmung aktiv zu verändern, sondern darauf vertrauen, dass die reine Beobachtung Automatismen der Veränderung auslöst, und in der Tat geschieht genau dies, wenn wir sie absichtslos beobachten.

Als reine Beobachtung nimmt das Gewahrsein nämlich die Dinge stets im Kontext wahr und zieht daraus automatisch die im Hinblick auf das Gesamtsystem optimalen Konsequenzen (siehe Definitionen vier und fünf). Im aufmerksamen Beobachten sind also unsere Motive und Wünsche impliziert und automatisch auf die explizite Realisierung ausgerichtet. Wer mit diesem Kraftzentrum des Willens in Berührung bleibt, kann sich zusätzliche Willensanstrengung sparen.

Sollte Ihnen das magisch vorkommen, dann verweise ich auf die fundamentale Erkenntnis der Quantenphysik, dass jede Beobachtung den Gegenstand der Beobachtung verändert. Als Beobachter haben wir nur die Wahl, wie wir auf Gegenstände und Prozesse einwirken. Wir können sie entweder mittels unserer Projektionen verzerren, oder uns auf die reine Beobachtung beschränken und ihnen so die Möglichkeit geben, das unbegrenzte Potenzial, das sie für uns bereithalten, zu entfalten. Auf einer neuen Internetseite zum Thema Quantenphilosophie werde ich demnächst näher auf dieses Thema eingehen.

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