Gewahrsein und Achtsamkeit


Als ich diese Seite im Februar 2012 online stellte, gab es bei Google 218.000 Ergebnisse für Gewahrsein und 1.350.000 für Achtsamkeit. Gelegentliche Überprüfungen dieser Werte legen die Vermutung nahe, dass sich die Relation zugunsten des Begriffs "Gewahrsein" verschiebt. Mitte November 2013 stieg er auf 464.000 Ergebnisse, während "Achtsamkeit" auf 768.000 zurückging.
Obwohl diese beiden Begriffe häufig synonym verwendet werden, zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass es teils feine, teils gravierende Unterschiede gibt und dass diese vor allem mit der geistigen Tradition zusammenhängen, in der die jeweiligen Autoren verwurzelt sind. Dies lässt sich am besten anhand von Zitaten verdeutlichen, in denen die beiden Begriffe vorkommen.

Drei Zitate, in denen der Begriff Achtsamkeit verwendet wird:

"Das Denken ist die Basis von allem. Es ist wichtig, daß wir jeden unserer Gedanken mit dem Auge der Achtsamkeit erfassen."
Thich Nhat Hanh: Die fünf Pfeiler der Weisheit, München: Knaur, 2000, S. 20

"Im Zen heißt es, daß durch die Fähigkeit, inmitten der Welt Achtsamkeit zu üben, weit mehr Kraft entsteht, als durch das einsame Sitzen und Vermeiden von Aktivität. Die tägliche Arbeit also ist der Meditationsraum, die zu erledigende Arbeit die Übung."
Philip Kapleau: Der vierte Pfeiler des Zen, Bern u. a.: O.W. Barth Verlag bei Scherz, 1997, S. 34

"Konzentration ist einschränkend, auf einen bestimmten Bereich begrenzt, während Achtsamkeit grenzenlos ist."
Krishnamurti: Das Licht in dir, 1. Aufl. München: Econ, 2000, S. 38

 Drei Zitate, in denen der Begriff Gewahrsein verwendet wird:

"Der Zeuge ist eine sehr hohe und unbedingt notwendige Entwicklungsstufe, aber nicht die letzte. Wenn der Zeuge - die Seele - transzendiert wird, geht er in all dem auf, dessen Zeuge er bisher war. Die Subjekt/Objekt-Dualität verschwindet, und übrig bleibt reines, nichtduales Gewahrsein."
Ken Wilber: Mut und Gnade, München: Goldmann, 1996, S. 124

"Es gibt keine Dualität. Ihre gegenwärtige Erkenntnis beruht auf dem Ego und ist nur relativ. Solche Erkenntnis bedarf eines Subjekts und eines Objekts, während das Gewahrsein des Selbst absolut ist und keines Objektes bedarf."
Ramana Maharshi: Sei, was du bist!, 1. Aufl. München/Wien: O.W, Barth, 2002, S. 20

"Es gibt kein gutes oder schlechtes Meditieren; es gibt nur das Gewahrsein oder den Mangel an Gewahrsein dafür, was in unserem Leben vor sich geht."
Charlotte Joko Beck: Einfach Zen, Knaur Verlag, München, 1995, S. 365

 Meditationshaltung

 Bei der Meditation kommt es nicht nur auf die körperliche,
sondern vor allem auf die geistige Haltung an,
das heißt auf die Qualität des Gewahrseins
.
Foto-Quelle: Andy Hensel, http://www.andys-tierfotos.de/

 

Drei Zitate, in denen beide Begriffe verwendet werden:

"Das Gewahrsein von Atmung und anderen Körperempfindungen ist wahrscheinlich die allergrundlegendste buddhistische Meditationsübung. Bevor man die Achtsamkeit erfolgreich auf Gefühle, Gedanken, Emotionen oder den Geist anwenden kann, muß sie im Gewahrsein von Atem und Körper fest verankert sein."
Mark Epstein: Gedanken ohne den Denker, Frankfurt am Main: S. Fischer, 2002, S. 153 f.

"In der intensiven Übung der Achtsamkeit kommt ein Punkt, von dem aus es mühelos und ungehemmt weitergeht, von dem aus die Erfahrung sich mit Gewahrsein, aber ohne Selbstbewußtsein kontinuierlich entfaltet."
Mark Epstein: Gedanken ohne den Denker, Frankfurt am Main: S. Fischer, 2002, S. 155

"Achtsamkeit ist ein aufmerksames Beobachten, ein Gewahrsein, das völlig frei von Motiven oder Wünschen ist, ein Beobachten ohne jegliche Interpretation oder Verzerrung."
Krishnamurti: Das Licht in dir, 1. Aufl. München: Econ, 2000, S. 92

Während ich gerade diese Zitate heraussuche, werde ich eines starken Antriebs gewahr, bereits jetzt inhaltlich auf einzelne Punkte einzugehen. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass es hier um das Thema Synonymität geht. Zu einem Konflikt dieser beiden Impulse kommt es nicht, da mir intuitiv Stellen einfallen, an denen ich später auf einzelne dieser Zitate zurückkommen kann. Keine Sorge, es wird bei diesem einen Meta-Kommentar bleiben, mit dem ich darauf hinweisen möchte, dass Gewahrsein hier gleichzeitig Thema, Leser und Autor ist.

Den Zitaten ist zu entnehmen:

 1. Gewahrsein und Achtsamkeit werden gelegentlich synonym verwendet (wie bei Epstein und Krishnamurti).

 2. In den buddhistischen und zenbuddhistischen Traditionen kommt häufiger der Begriff Achtsamkeit vor (wie bei Thich Nhat Hanh und Kapleau).

3. Denker, die in der hinduistischen oder westlichen Tradition stehen (wie Maharshi und Wilber) oder die sich keiner Tradition verpflichtet fühlen (wie Epstein und Krishnamurti) verwenden die Begriffe entweder synonym oder tendieren eher zu Gewahrsein.

Im alltäglichen Sprachgebrauch wird Achtsamkeit wesentlich häufiger benutzt. Da ich mich dennoch für Gewahrsein entschieden habe, möchte ich kurz begründen, warum ich diesen Begriff für klarer und präziser halte.

Wie ich bereits auf der Seite Was bedeutet Gewahrsein? näher ausgeführt habe, fällt beim reinen Gewahrsein die Trennung zwischen Subjekt und Objekt weg, es handelt sich also um eine nichtduale Form der Wahrnehmung. Konsequenterweise gibt es für diesen Begriff in der deutschen Sprache anders als bei Achtsamkeit auch kein Gegenteil. Dennoch kann man von einem hohen oder weniger hohen Gewahrsein sprechen. Sowohl die Qualität der Wahrnehmung, die zum Beispiel davon abhängt, ob Projektionen im Spiel sind und wenn ja, ob sie bewusst sind, kann sehr unterschiedlich sein, als auch die Quantität der Prozesse, deren man gewahr wird. So kann ich zum Beispiel ein hohes Gewahrsein von meinen gedanklichen Prozessen haben aber ein niedrigeres von meinen Körperempfindungen oder Gefühlen. Das ändert aber nichts daran, dass das Gewahrsein im Augenblick der Wahrnehmung unteilbar ist. Man wird einer bestimmten Sache entweder gewahr oder nicht.

Bei der Achtsamkeit ist das anders. Man kann besonders achtsam eine Treppe hinaufsteigen, einer kleinen Unachtsamkeit beim Geschirrspülen kann ein Glas zum Opfer fallen. Dann war man nicht achtsam genug. In der Alltagssprache wird Achtsamkeit also als eine jederzeit modifizierbare Ausrichtung des Bewusstseins auf Gegenstände oder Prozesse verstanden.

Es ist nicht ganz unproblematisch, wenn hinter jeder Achtsamkeit die Unachtsamkeit lauert. Sagt jemand zu uns "Sei achtsam!", dann schwingt automatisch der Gedanke mit "Pass auf, dass du nicht unachtsam bist!" Paul Watzlawick, der Begründer des modernen Konstruktivismus, spricht in einem ähnlichen Zusammenhang von der Sei-spontan-Paradoxie. Eine solche Aufforderung lässt uns eher verkrampfen, weil sie unsere Kontrollmechanismen verstärkt, während genau das Gegenteil geschehen müsste, um locker und entspannt sein zu können. Auch Krishnamurti weist auf diese Problematik hin:

"Du bist eine Sekunde lang vollkommen bewusst und in der nächsten bist du vielleicht unachtsam. Aber sei dir bewusst, dass du unachtsam bist. Sage nicht: «Unachtsamkeit muss zur Achtsamkeit werden.» Dadurch erzeugst du nur einen Konflikt und in diesem Konflikt hören Bewusstheit und Achtsamkeit vollkommen auf."
Krishnamurti: Jiddu Krishnamurti - Freiheit und wahres Glück, 1. Aufl. München: Heyne, 2007, S. 42

Dieses Zitat deutet an, dass Gewahrsein gegenüber Achtsamkeit der übergeordnete Begriff ist, denn man kann sowohl seiner Achtsamkeit als auch seiner Unachtsamkeit gewahr werden. Und nur das konfliktfreie Gewahrwerden kann uns wieder achtsam werden lassen, während der willentliche Versuch, achtsam zu sein, kontraproduktiv ist.

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