Erkenntnis und Interesse - Sucht und Selbststeuerung


Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas hat in seinem Buch Erkenntnis und Interesse überzeugend dargelegt, dass es kein interesseloses Erkennen geben kann. Ähnliches gilt auch für den Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und Interesse. Es gehört zur Grundausrichtung der menschlichen Wahrnehmung, dass sie sich primär am Nutzen orientiert, den die wahrgenommenen Subjekte und Objekte kurz-, mittel- und langfristig bieten könnten.

Wenn wir die Wahl zwischen zwei Gerichten haben, wählen wir das aus, von dem wir erwarten, dass es uns am besten schmeckt. Je höher unser Gewahrsein von den Dingen ist, die wir uns aneignen oder nutzbar machen wollen, desto mehr können wir uns darauf verlassen, jeweils die richtige Entscheidung zu treffen. Insofern ist Gewahrsein auch ein wichtiges mittelbares Steuerungselement bezüglich der Frage, was wir tun oder unterlassen sollten. Im Idealfall werden alle für eine bestimmte Entscheidung relevanten Faktoren in die Waagschale gelegt, und dann führen wir das aus, was die gewichtigeren Impulse auf seiner Seite hat.

Dieser Abwägungsprozess ist um so einfacher, je berechenbarer die in Frage kommenden Alternativen sind. Geht es zum Beispiel darum, ein bestimmtes Produkt zu kaufen und können wir dabei zwischen zwei identischen Artikeln wählen, von denen einer preisgünstiger ist, dann dürfte die Entscheidung zugunsten des letzteren kaum schwer fallen. Entscheidungen, die bis ins letzte berechenbar sind, können wir unserem Verstand anvertrauen. Doch diese sind eher die Ausnahme als die Regel.

Selbst bei dem einfachen Beispiel der zwei identischen Artikel kann das Denken uns in die Irre führen, wenn unser Gewahrsein bei der Kaufentscheidung zu niedrig ist. So könnte zum Beispiel jemand im Internet drei Stunden recherchieren, um schließlich einen Artikel zu finden, der einen Euro weniger kostet als der, auf den er als erstes gestoßen ist. Angenommen, derjenige hat einen Stundenlohn von 30 Euro, dann fällt die Gesamtbilanz der ausgiebigen Internetrecherche auf rein materieller Ebene negativ aus. Bezogen auf sein Gesamtsystem könnte die Bilanz dennoch positiv sein, nämlich dann, wenn die Recherche dem Käufer drei glückliche Stunden verschafft hat.

An diesem Beispiel lässt sich der Unterschied zwischen einem niedrigen und hohen Gewahrsein gut veranschaulichen. Nehmen wir an, der Käufer ist ein sogenannter Schnäppchenjäger, der Dutzende von Stunden jährlich damit verbringt, Preisvergleiche anzustellen. Die Recherchen machen ihm Spaß, und er freut sich über jeden eingesparten Euro. Ob sein Verhalten für sein Gesamtsystem förderlich oder schädlich ist, ist damit aber noch nicht entschieden. Dazu müsste man nämlich wissen, welche Alternativen für die vielen Recherchestunden in Frage gekommen wären. Der Einfachheit halber beschränke ich mich auf zwei unterschiedliche Recherche-Typen. Beide sind Menschen mit einem hohen kreativen Potenzial, das jedoch überwiegend brach liegt.

Jede Sucht hat einmal als Suche begonnen. 
Jede Sucht hat einmal als Suche begonnen.
Andreas Tenzer

 

Typ 1 hat bereits mehrere kreative Projekte begonnen, die ihm Spaß machen und die er erfolgreich zu Ende führen könnte, wenn er sich die dafür erforderliche Zeit nähme. Massive Selbstzweifel veranlassen ihn jedoch immer wieder in Tätigkeiten zu flüchten, die ihm relativ wenig Freude bereiten und ihm auch materiell kaum etwas bringen. Gelänge es diesem Typ, das Defizit in seinem Gesamtsystem zu orten, seinen Selbstzweifeln auf den Grund zu gehen und sie allmählich abzubauen, dann könnte er durch den Verzicht auf die Schnäppchenjagd sein kreatives Potenzial besser zur Entfaltung bringen und hätte damit eine Alternative zur Verfügung, die für das Gesamtsystem förderlicher wäre.

 Typ 2 unterscheidet sich vom ersten Typ im wesentlichen nur dadurch, dass seine Fluchtbewegungen mit starken selbstzerstörerischen Neigungen verbunden sind. Seine Spielsucht hat ihn nicht nur finanziell ruiniert, sondern auch seine physischen und psychischen Kräfte geschwächt. Zu kreativen Tätigkeiten fühlt er sich gegenwärtig nicht in der Lage. Er ist zunächst einmal froh darüber, dass er in der Schnäppchenjagd eine Suchtform gefunden hat, die seinem Gesamtsystem weniger schadet als zum Beispiel das exzessive und ruinöse Pokerspielen im Internet. Würde jemand versuchen, ihm sein neues relativ kleines Leiden auszutreiben, dann bestünde die Gefahr, dass er vom Regen zurück in die Traufe getrieben würde, wie Marcel Proust einmal treffend bemerkt hat:

 "Es gibt Leiden, von denen man die Menschen nicht heilen sollte, weil sie der einzige Schutz gegen weit ernstere sind."
Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Bde. 1-3, 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2000, S. 1639

Wenn Sie dem obigen Link folgen, finden Sie eine Interpretation dieses Zitats, in der der Faktor Gewahrsein eine zentrale Rolle spielt.

Bei einem niedrigen Gewahrsein würden sowohl Typ 1 als auch Typ 2 in einem Kreislauf von Flucht und Sucht gefangen bleiben. Sie könnten bestenfalls Schadensbegrenzung durch Suchtverlagerungen betreiben. Dagegen würden beide Typen dem Teufelskreis bei einem hohen Gewahrsein entkommen. Sie würden von dessen Eigenschaft profitieren, alle innerhalb des Gesamtsystems wirkenden Kräfte sowie deren interaktive Bündelungen und Blockierungen wahrnehmen zu können. Ihre Fähigkeit zur Selbststeuerung würde sich erhöhen, denn diese wird durch nichts mehr eingeschränkt als durch Süchte und Blockaden. Auch würden sie sich die Eigenschaft des Gewahrseins zunutze machen können, dass es bei jeder Form des Suchens ein Auge darauf hat, wann diese in Sucht umzuschlagen droht, denn jede Sucht hat einmal als Suche begonnen.

Es mag paradox klingen, doch es ist eine Tatsache, dass ein hohes Gewahrsein die Selbststeuerung überflüssig macht, und zwar dadurch, dass es selbst die optimale Selbststeuerung ist. Man kann hier den Vergleich mit einem Quantencomputer heranziehen, auf dem alle relevanten Daten programmiert wären, die für die optimale Beantwortung einer bestimmten Frage erforderlich sind. Es würde dann ausreichen, die Frage einfach nur einzugeben, um die bestmögliche Antwort zu erhalten. Ein hohes Gewahrsein ist insofern selbst einem ausgereiften Quantencomputer überlegen, als man die Frage nicht einmal eingeben muss, da es jederzeit ohne jede über das Gewahrsein selbst hinausgehende Eigenleistung die richtigen Fragen stellt.

Jede Sucht ist ein Ersatz für etwas, das wir leidenschaftlich suchen, aber nicht finden können. Sie stellt den Versuch dar, dem damit verbundenen Schmerz zu entfliehen, sei es durch hyperaktives Handeln oder durch hypoaktive Lähmung. Da das ursprüngliche Ungleichgewicht zwischen Wunsch und Wirklichkeit davon unberührt bleibt, erhält die Sucht täglich neue Nahrung und wird somit chronisch. Oft wird sie noch verstärkt durch ein Denken, das sich permanent im Kreise dreht. Ist man einmal einem irrationalen Gedanken auf den Leim gegangen, gibt es kaum noch ein Entkommen aus dem Teufelskreis, denn nichts gibt dem Denken so sehr zu denken wie das Denken. All dies gilt auch für den Fall, dass es zu einer Suchtverlagerung kommt, da sich an der Grundkonstellation dadurch nichts ändert.

Der Hauptgrund, warum jemand lieber an seiner Sucht festhält, statt sich dem ihr zugrundeliegenden Konflikt zu stellen, besteht also darin, dass er die negativen Begleiterscheinungen der Sucht im Verhältnis zum Schmerz, den eine Wurzelbehandlung mit sich bringen würde, für erträglicher hält.

Aus diesem Hauptgrund resultiert eine suchtstabilisierende Folgeerscheinung. Da gewöhnlich die Flucht in die Sucht in Wirklichkeit einen viel größeren Schmerz erzeugt als es der Fall wäre, wenn man sich dem Auslöser stellen würde, setzt ein Festhalten an der Sucht voraus, die Wirklichkeit zu ignorieren. Deshalb geht jede Sucht mit einem Verdrängungsmechanismus einher, der verhindert, dass eine realistische Kosten-Nutzen-Abwägung stattfinden kann, die das Sucht-Ego scheut wie der Teufel das Weihwasser.

Und das aus gutem Grund, denn ein Blick auf die Waagschalen, in denen die Vor- und Nachteile der Sucht liegen, würde den Süchtigen in eine prekäre Entscheidungssituation bringen. Er müsste sich dann eigentlich von seiner Sucht verabschieden, doch wenn er die Kraft dazu nicht aufbringen kann, steht er schlechter da als vor seinem mutigen oder auch übermütigen Blick auf die Wirklichkeit, denn nun gesellt sich zu seinem Sucht-Schaden auch noch ein schlechteres Sucht-Gewissen.

Unter dem Aspekt Erkenntnis und Interesse könnte man auch sagen, wer zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht die Kraft hat, sich von seiner Sucht zu befreien, hat kein Interesse an Erkenntnis. Das ist der Grund, warum Suchtprobleme so schwer therapierbar sind und auch nur sehr bedingt selbsttherapeutisch gelöst werden können. Gewahrsein wäre im Prinzip die beste Lösung, doch die Betroffenen sind meist dagegen resistent, weil die inneren Widerstände übermächtig sind. Deshalb machen Gewahrseinsübungen in solchen Fällen wenig Sinn, solange der suchtauslösende Grundkonflikt nicht geortet und weitgehend aufgelöst ist. Dafür sind nach meinen Erfahrungen tiefenpsychologische Verfahren in Kombination mit Energiearbeit am besten geeignet.

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