Liebe und Urvertrauen

Wenn zwei Menschen füreinander ihr Ego-Selbst aufheben, erleben beide ihr wahres Selbst. Die isolierten Subjekte existieren nicht mehr; deren grenzenlose Essenz ist aufbewahrt und auf die Ebene der Einheit gehoben. Das ist Liebe. So wie das jeweilige Selbst der Eltern im Kind aufgehoben ist, geht aus jeder menschlichen Begegnung, die von Liebe geprägt ist, ein neues Selbst hervor. Liebe ist die Kraft, die das Ego verbrennt und es als Phönix aus der Asche auferstehen lässt. Bereits im 13. Jahrhundert schrieb der persische Mystiker Rumi:

"Fragst du: «Was ist Liebe?», sage ich: «Den Eigenwillen aufzugeben.»"
Rumi: Die Lehren des Rumi, München: dtv, 2006, S. 90

Wenn wir in diesem Sinne lieben, herrscht Hochzeitsstimmung in Körper, Geist und Seele. Jeder der diese Erfahrung auch nur ein Mal im Leben gemacht hat, wird Wilhelm Buschs Worten zustimmen:

"Denn die Summe unseres Lebens
sind die Stunden, wo wir lieben."
Wilhelm Busch: Spruchweisheiten & Gedichte, Leonberg: Garant, 2007, S. 39

 Wenn wir uns ehrlich fragen, wie viele Stunden da in unserem eigenen Leben zusammenkommen, werden wir vermutlich erschrecken. Deshalb stellt sich mir die Frage: Wenn wir wissen, wie gut die Liebe tut, und dass es allein auf sie ankommt, warum gibt es dann so viele Stunden in unserem Leben, in denen das Ego und nicht die Liebe regiert? Die Antwort ist im Prinzip ganz einfach. Das Ego bezieht seine Energie aus Begierden und Ängsten, während die Liebe ihre Kraft aus dem grenzenlosen Urvertrauen in das Ganze gewinnt. Gegenüber dem Urvertrauen hat das Ego zunächst einen klaren Vorteil. Es ermöglicht uns, unsere Begierden in einem gewissen Rahmen kontrolliert zu befriedigen und unsere Ängste zurückzudrängen.

 

Angst und Urvertauen

Urvertrauen befreit uns von Ängsten
und schenkt uns liebevolle Begegnungen.

 

Entscheidend dabei ist, dass das Ego uns suggeriert, wir hätten das Steuerrad unseres Lebens selbst in der Hand. Da es als kontrollierende Kraft der Bedürfnisbefriedigung und Angstvermeidung zumindest teilweise gut funktioniert, ist es für uns wesentlich berechenbarer als das Urvertrauen, bei dem wir aller persönlichen Steuerungsmechanismen beraubt sind. Während das Ego nach dem Motto handelt: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, vertraut das Urvertrauen darauf, dass die eigenen Bedürfnisse im Willen des Ganzen bestens aufgehoben sind, und vertraut deshalb auf das Prinzip: Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser.

Haben wir weder ein gut kontrollierendes Ego noch grenzenloses Urvertrauen, so sind wir ein geborenes Opfer. Uns fehlt dann jegliche Steuerungskraft, die persönliche ebenso wie die universelle. Wir werden zum Spielball der Steuerungskräfte, die uns für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren wollen. Solange man noch nicht oder sobald man nicht mehr von Urvertrauen getragen wird, macht es also keinen Sinn, sich vom eigenen Ego "befreien" zu wollen. Man würde dann nur eine immerhin noch kontrollierbare Selbstversklavung gegen eine unkontrollierbare Fremdversklavung eintauschen.

Wird einem irgendwann bewusst, dass man sein Schicksal in die Hände fremder Egos gelegt hat, ist man meist so verzweifelt, dass man niemandem mehr vertraut und an Urvertrauen erst recht nicht zu denken ist. Stattdessen zieht man sich stets mehr in sich selbst zurück und verstärkt die Mechanismen der Selbstkontrolle. So wird das eigene Leben immer enger und zwanghafter und statt Urvertrauen herrscht fundamentales Misstrauen vor.

Wer würde sich nicht ein unerschütterliches Urvertrauen wünschen? Und wer würde nicht alles dafür tun, um es zu bekommen? Aber kann man überhaupt selbst etwas dafür tun, oder gibt es Urvertrauen nur als Geschenk des Himmels? Nach meinen persönlichen Erfahrungen an mir selbst und mit anderen bin ich davon überzeugt, dass beides zutrifft. Da Urvertrauen und bedingungslose Liebe zwei Seiten einer Medaille sind, stehen für jemanden, der als Kind von seinen Eltern bedingungslos geliebt wurde, die Chancen gut, dass Urvertrauen ihn durchs ganze Leben begleitet.

Wer dagegen weder von seinen Eltern noch von anderen bedingungslose Liebe erfahren hat, hat es ungleich schwerer, zu einer Grundhaltung des Urvertrauens zu finden. Doch weder können die ersteren sich sicher sein, dass sie das Urvertrauen ihr Leben lang behalten werden, noch sind letztere durch ihre schwierigen Startbedingungen kategorisch davon ausgeschlossen. Das ändert nichts daran, dass die Regel gilt: bedingungslose Liebe in der Kindheit = hohe Wahrscheinlichkeit für ein stabiles Urvertrauen, und: Mangel an bedingungsloser Liebe in der Kindheit = geringe Wahrscheinlichkeit für ein stabiles Urvertrauen.

Zu Ausnahmen bezüglich der ersten Gleichung tragen vor allem schwere Schicksalsschläge bei, wie etwa der Verlust nahe stehender Menschen, schwere Behinderungen nach Unfällen oder hohe Gefängnisstrafen. Solche gravierenden Einschnitte in das eigene Leben können zu einem vorübergehenden und in extremen Fällen auch zu einem dauerhaften Verlust des Urvertrauens führen. Wer dies aber auch nur einen Augenblick erfahren hat, wird zumindest nie ganz die Hoffnung verlieren, es wiedergewinnen zu können.

Glücklicherweise gibt es auch zwei Ausnahmen hinsichtlich der zweiten Gleichung. Die erste Chance besteht darin, einem Menschen zu begegnen, der einen bedingungslos liebt. Dann kommt es zu einem zähen Ringen zwischen Finsternis und Licht, und nur, wenn das Licht die Oberhand gewinnt, kann es zu einer Übertragung des Urvertrauens kommen.

Die beiden häufigsten Widerstände, die dies verhindern können, sind auf der dunklen Seite die Unfähigkeit, die bedingungslose Liebe annehmen zu können und auf der Lichtseite, sich in der Dunkelheit des Anderen zu verlieren. Dies ist zum Beispiel bei allen Formen der Co-Abhängigkeit der Fall. Dann kommt es nämlich nicht zu einer Lichtübertragung, sondern dazu, dass die Dunkelheit das Licht schluckt wie ein Schwarzes Loch, das durch noch so viel Licht nicht gesättigt werden kann. Saint-Exupéry hat dieses Phänomen so auf den Punkt gebracht:

"Den allein rette ich, der liebt, was ist, und den man sättigen kann."
Antoine de Saint-Exupéry: Die Stadt in der Wüste - Gesammelte Schriften Band 2, 3. Aufl. Düsseldorf: Karl Rauch, 1985, S. 25

Als Ungeliebte können Menschen ohne Urvertrauen gewöhnlich nicht das lieben, was ist, und deshalb auch nicht gesättigt werden. Sie können das Licht der Liebenden nur schlucken und nicht widerspiegeln. Am Ende stehen dann beide im Dunkeln statt im Licht. Damit das Gegenteil geschehen könnte, müssten beide ein hohes Gewahrsein entwickeln. Dieses würde sie mit der Quelle der Liebe in Berührung bringen, der sie beide ihr Licht verdanken, der eine unmittelbar, der andere mittelbar.

Die Urquelle der Liebe ist zwar eine transzendente Kraft, die sich jedoch in allem manifestiert, was geschieht, sofern man sie gewähren lässt. Urvertrauen ist nichts anderes als die existenzielle Grundhaltung, die sich aus der Einsicht in diese jederzeit erfahrbare Tatsache ergibt. Und Gewahrsein ist die immanente Kraft, die uns diese Erfahrung in jedem Augenblick ermöglicht. Dafür müssen wir allerdings zunächst den Sprung ins kalte Wasser wagen. Je größer die Angst vor dem Sprung ist, desto mehr empfiehlt es sich, zunächst ruhige, niedrige Gewässer auszuwählen, in denen man sicher stehen kann, und Kopfsprünge zu unterlassen.

Konkret bedeutet der Sprung ins kalte Wasser zu beobachten, wie sich bestimmte Lebenssituationen entwickeln, wenn man selbst aktiv eingreift, und was geschieht, wenn man nicht aus Eigenmotivation heraus interveniert, sondern einfach nur geschehen lässt, was geschehen will. Für solche Experimente eignen sich besonders Situationen, die häufig wiederkehren und mit denen man eh unzufrieden ist.

Eine alleinerziehende Mutter zum Beispiel beklagt sich über das lustlose und mürrische Verhalten ihres zwölfjährigen Sohnes beim Mittagessen. Sie kocht täglich sehr aufwendig für ihn und begrüßt ihn stets herzlich, wenn er aus der Schule kommt. Dennoch reagiert der Junge die erste halbe Stunde danach auf fast alles genervt, was seine Mutter sagt oder fragt. Obwohl ihr Sohn dies immer wieder dementiert, vermutet sie, dass er sich in der Schule nicht wohl fühlt, und danach seinen Frust an ihr abreagiert. Deshalb glaubt sie auch, an der Situation nichts ändern zu können, ist aber auf Anraten hin bereit, sich auf ein Experiment einzulassen.

Sie fragt ihren Sohn, was er am liebsten tun würde, wenn er von der Schule kommt. Er erklärt, dass er direkt auf sein Zimmer gehen möchten, und erst am Abend mit ihr etwas Warmes essen möchte. Sie willigt ein, und der mittägliche Zwist hat von heute auf morgen ein Ende. Kurze Zeit später erfüllt sich die Mutter den bis dahin unrealisierbaren Wunsch, vormittags eine kreative Halbtagsstelle anzunehmen. Nebenbei verbessert sich dadurch auch noch die finanzielle Situation der Kleinfamilie zur Freude beider.

Hier ließen sich unzählige weitere Beispiele anführen, da sich in jeder einzelnen Lebenssituation die Frage stellt, ob man die Dinge vorab kontrollieren möchte, oder ob man zunächst einmal abwartet, wie sich die Dinge ohne eigenes Eingreifen entwickeln. Wie bereits weiter oben erwähnt, wird diese Haltung von den alten Chinesen als Wu wei bezeichnet und ist nicht mit einer Laisser-faire-Haltung zu verwechseln, da es bedeutet, jederzeit zum Eingreifen bereit zu sein, wenn sich aus der Situation selbst heraus ein entsprechender Impuls ergibt. Mit Handeln im Nichthandeln meinen Taoisten wie Laotse, dass man das tun sollte, was das Tao will (Christen würden von Gott sprechen, Hinduisten von Krishna, Buddhisten vom Dharma oder Quantenphysiker wie David Bohm von der impliziten Ordnung).

 Für die höhere Ordnung wird gelegentlich auch der Begriff das Unmanifeste verwendet, wie zum Beispiel von Eckhart Tolle:

"Das Unmanifeste befreit dich erst, wenn du bewusst in es eintrittst. Deshalb sagt Jesus nicht: «Die Wahrheit wird dich befreien», sondern: «Du wirst die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird dich befreien.»"
Eckhart Tolle: Jetzt! Die Kraft der Gegenwart, S. 142

Jesus ruft die Menschen also nicht zu einem blinden Glauben auf, sondern zur Erkenntnis der Wahrheit, und er verspricht, dass diese Erkenntnis als solche zur Befreiung führt. Die Wahrheit erkennen bedeutet nichts anderes als Gewahrsein zu praktizieren. Wenn wir der Dinge so gewahr werden, wie sie sind, sind wir selbst lebendige Wahrheit und werden durch sie befreit, ohne weitere darüberhinausgehende Anstrengungen unternehmen zu müssen.

Das einzige, was wir zusätzlich brauchen, ist das Urvertrauen, dass es sich genau so verhält. Dieses wird jedem in die Wiege gelegt, doch manchem schon in der Kindheit auf brutale Weise ausgetrieben. Wer als junger Erwachsener noch über ein stabiles Urvertrauen verfügt, der wird daraus leichter ein hohes Gewahrsein entwickeln können. Und wem das Urvertrauen früh genommen wurde, der kann es über das Gewahrsein wiedergewinnen: Er wird die Wahrheit erkennen, und sie wird ihn befreien.

Allen jenen Begriffen für die höhere Ordnung ist gemein, dass man sich ihr anvertraut als individuelles Gesamtsystem und nicht als auf bloße Instrumentalisierung ausgerichtetes Ego. Das hat zum einen den kaum zu überschätzenden Vorteil, dass wir uns bei unseren Handlungen auf eine Weisheit stützen können, die unfehlbar ist, da sie immer das Ganze und somit das Wahre im Auge hat. Ein Bewusstsein, das die Erfahrung gemacht hat, dass das Wahre das Ganze ist, ist das Tor, durch das Liebe und Urvertrauen in unser Leben treten; es ist ein transpersonales Bewusstsein.

"Das Wahre ist das Ganze."
G.W.F. Hegel: Phänomenologie des Geistes, Frankfurt/M, u. a.: Ullstein, 1970, S. 22

Die Dinge sind im Fluss, sobald wir im Einklang mit der höheren Ordnung handeln. Das Gewahrsein kann sich im Zustand des Fließens darauf einlassen, den Fluss wie in Trance zu genießen, da es währenddessen aus den drei Ebenen des Gesamtsystems keine Fehlermeldungen erhält. Gibt es für Körper, Geist und Seele etwas Schöneres, als sich entspannt dem Fließen hinzugeben? Im Flow verzichten wir darauf, die Dinge zu instrumentalisieren und sind stattdessen selber ein begnadetes Instrument des Ganzen. Dieser Verzicht verleiht uns die wohl bedeutendste Eigenschaft, die wir im Leben erwerben können, die Fähigkeit zu lieben, denn Liebe ist nichts anderes als Wahrnehmung ohne Instrumentalisierung.

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