Leben im Hier und Jetzt - Gewahrsein und Präsenz


Dafür dass das Gewahrsein nicht einschläft, während die Dinge im Fluss sind, sorgt beständig das Ego. Es freut sich nämlich über den konfliktfreien Zustand eben so sehr wie das Gesamtsystem und setzt alles daran, ihn festzuhalten. Gelingt ihm dies, dann ist es mit dem Fluss vorbei, denn Fließen ist das Gegenteil von Stillstand. Da das Gewahrsein eine reine Wahrnehmungsfunktion und keine Handlungsinstanz ist, fehlen ihm die Mittel, um das Ego an solchen unbewussten Sabotageakten gegen das sich im Fluss befindliche Gesamtsystem, von dem es selbst ein integraler Bestandteil ist, direkt zu hindern.

Da Gewahrsein nun einmal die Kraft des Bewusstseins ist, alle aktiv und potenziell wirksamen Kräfte wahrzunehmen, kann es das unentwegte Betätigen der Stoptaste durch das Ego weder ignorieren noch unterbinden. Als rein wahrnehmendes Bewusstsein befindet sich das Gewahrsein aber in permanenter Interaktion mit dem Spürbewusstsein, das sich auf beliebige Vorgänge im Gesamtsystem fokussieren kann wie auch auf die Verbindung des Gesamtsystems mit der höheren Ordnung und dem daraus resultierenden Fluss der Dinge. Anders als für das Ego steht für das Spürbewusstsein die Homöostase auf allen Ebenen des Gesamtsystems an erster Stelle. In diesem Punkt sind also das Spürbewusstsein und das Gewahrsein Verbündete mit gleichen Interessen.

Während also das Ego ständig auf die Stoptaste drückt, um einen angenehmen Zustand festzuhalten, und damit genau das verhindert, was ihm auf lange Sicht gut täte, weiß das Spürbewusstsein um diesen Zusammenhang und hat deshalb die Möglichkeit, die Playtaste jederzeit zu betätigen, wenn das Ego mal wieder versucht hat, eine Lebenssituation krampfhaft festzuhalten oder wie besessen irgendwelche Ziele verfolgt. Ist nach entsprechenden Gewahrseinsübungen das Spürbewusstsein durchgängig aktiv, dann ist keine zusätzliche Bewusstseinssteuerung mehr erforderlich, um im Hier und Jetzt zu bleiben. Die einzigen beiden Unterschiede zwischen Gewahrsein und Spürbewusstsein bestehen darin, dass ersteres ein Bewusstsein davon hat, inwieweit das Spürbewusstsein in bestimmten Situationen eingeschaltet ist, und dass es auch transzendente Einflussfaktoren bewusster wahrnehmen kann.

Dass auf Steuerung weitgehend verzichtet werden kann, hängt auch damit zusammen, dass das Ego seine Bremsenergie immer stärker zurückhält, je mehr es registriert, dass es als Teil des Gesamtsystems selbst davon profitiert, wenn dieses sich in einem stabilen Gleichgewicht befindet. Durch diesen Rückzug wird das Ego nicht arbeitslos, sondern kann sich verstärkt seiner wichtigsten Aufgabe widmen, die darin besteht, die Rahmenbedingungen für die physische Sicherheit einer Person zu schaffen und sie gegen feindliche Angriffe von außen zu schützen. Dies erklärt auch die Tatsache, dass Menschen mit einem hohen Gewahrsein zwar einen "geringen Verteidigungsetat" haben, sich aber blitzschnell und mit geringem Aufwand geschickt verteidigen können, wenn es darauf ankommt.

Ein anschauliches Beispiel für ein Ego, dass sich dem Gewahrsein unterordnet und so in den Dienst des Gesamtsystems stellt, bietet die folgende Zen-Geschichte:

"Ein Soldat namens Nobushige kam zu Hakuin und fragte: «Gibt es wirklich ein Paradies und eine Hölle?»
«Wer bist du?» erkundigte sich Hakuin. «Ich bin ein Samurai», antwortete der Krieger. «Du ein Soldat!» rief Hakuin. «Welcher Herrscher mag dich wohl zur Schildwache haben? Dein Gesicht sieht aus wie das eines Bettlers.»
Nobushige wurde so wütend, daß er nach seinem Schwert griff, aber Hakuin fuhr fort: «So, du hast ein Schwert! Deine Waffe ist wohl viel zu stumpf, um mir den Kopf abzuschlagen.»
Als Nobushige sein Schwert zog, bemerkte Hakuin:
«Hier öffnen sich die Pforten der Hölle!»
Bei diesen Worten steckte der Samurai, der die Methode des Meisters erkannte, sein Schwert in die Scheide zurück und verneigte sich.
«Hier öffnen sich die Pforten des Paradieses», sagte Hakuin."

Paul Reps: Ohne Worte, ohne Schweigen, Bern u. a.: O.W. Barth Verlag bei Scherz, 1989, S. 72 f.

  Zen-Meister

 Der Samurai zieht sein Schwert.
Der Zen-Meister bleibt gelassen.

 

Der Zen-Meister Hakuin konnte im wahrsten Sinne des Wortes seinen Kopf riskieren, weil er sich auf die Kraft seiner Präsenz verlassen konnte. Er hatte die Situation nur deshalb voll unter Kontrolle, weil er bewusst auf Kontrolle verzichtete. So war sein Kopf frei von Gedanken über Dinge, die geschehen sollten, und der Meister konnte sich ganz in den Dienst dessen stellen, was geschehen wollte. Und dies war wiederum nur möglich, weil ihm nicht nur alle Wirkkräfte innerhalb seines eigenen Gesamtsystems präsent waren, sondern weil sein hoch entwickeltes Gewahrsein ihm auch einen unmittelbaren Zugang zum Wesen des Samurai und des situativen Zustands verschaffte, in dem sich dessen Gesamtsystem in jedem Augenblick der Interaktion befand. Gewahrsein ist Offenheit für die Zeitqualität des Augenblicks.

Wie der Name schon sagt, setzt Präsenz voraus, dass man sich in der Dimension der Gegenwart bewegt. Dazu gehört der Verzicht auf alles, was man schon weiß, und ebenso auf alles, was man kommen sieht. Vergangenheit und Zukunft müssen ausgeblendet sein, wenn man in der Gegenwart nicht verblendet sein will. Und durch dieses Ausblenden werden beide nicht etwa ausgeschaltet, sondern sie bleiben oder werden lebendig, aber nicht als Vergangenheit und Zukunft, sondern als Gegenwart.

In den östlichen Lehren ist die Aufforderung, dem Wissen zu entsagen, weit verbreitet. Im Westen löst diese Haltung ebenso verbreitet Kopfschütteln aus. Dabei handelt es sich eigentlich nur um ein Missverständnis bezüglich der Frage, wie man mit Wissen umgehen sollte. Ohne sein Wissen wäre der oben zitierte Zenmeister aufgeschmissen gewesen. Doch eben dieses Wissen hätte ihn um Kopf und Kragen bringen können, wenn es seiner Präsenz in der entscheidenden Situation im Wege gestanden hätte.

Nach der östlichen Vorstellung ist das Wissen im Gewahrsein aufgehoben und zwar im bereits erwähnten dreifachen Hegelschen Sinne. Es ist abgeschafft, aufbewahrt und auf eine höhere Ebene hinauf gehoben. Nur in diesem dialektischen Denken erschließen sich uns die östlichen Lehren und das, obwohl der Begriff Dialektik eine westliche Erfindung ist. Die östlichen Weisen sind wohl deshalb nicht auf diesen Begriff gekommen, weil man sich dort ein nicht dialektisches Denken gar nicht vorstellen kann.

Ein ähnliches Missverständnis zwischen westlichem und östlichem Denken besteht bezüglich des Begriffs Zukunft. Wir halten es für sehr wichtig, dass man sich um seine Zukunft Gedanken macht. Doch im östlichen Denken ist die Zukunft ebenso dreifach im Gewahrsein aufgehoben wie die Vergangenheit. Alles was wir jetzt tun, gestaltet unsere Zukunft, das heißt, die Zukunft entscheidet sich immer jetzt.

In diesem Phänomen liegt eine der wohl bekanntesten östlichen Weisheiten verborgen, nämlich der Konfuzius zugeschriebene Satz: "Der Weg ist das Ziel." Das bedeutet, dass im präsenten Handeln das Ziel immer sowohl implizit als auch explizit enthalten ist. Dabei sorgt das Gewahrsein dafür, dass wir permanent mit der impliziten Ausrichtung unseres Gesamtsystems in Berührung sind. Und auf präsente Weise zu handeln bedeutet nichts anderes, als das zu tun, was das höchste Bewusstsein uns in Form eines intuitiven Handlungsimpulses nahelegt. Wir handeln dann zwar selbst, überlassen aber die Entscheidung, was zu tun ist, einer höheren Weisheit, die so - durch unser vermittlelndes Handeln - der eigentlich Handelnde ist (Wu wei).

Wenn wir damit experimentieren, unser Handeln dem höchsten Bewusstsein anzuvertrauen, zu dem wir über unser Gesamtsystem Zugang haben, geht unser Ego gewöhnlich aus zwei Gründen auf die Barrikaden. Es fürchtet Autonomieverlust, denn es will unbedingt selbst seine Ziele festlegen, und es fürchtet Kontrollverlust, denn es will stets selbst darüber entscheiden, wie diese Ziele erreicht werden. Das was das Ego als sein Eigenes versteht, ist aber nichts anderes als die Abspaltung von einem höheren Bewusstsein. Für letzteres gibt es nur eine Gegenwart, die Vergangenheit und Zukunft impliziert, während das Ego die Gegenwart nur dazu instrumentalisiert, um seine eigenen Erfahrungen aus der Vergangenheit für seine eigenen in die Zukunft projizierten Ziele zu nutzen.

Hier könnte man einwenden, dass wir in einer hochtechnisierten Welt nichts mehr brauchen als eben diese Ego-Kraft, die es uns ermöglicht, genau zu planen und zielstrebig zu handeln. Doch würde man dabei übersehen, dass Planung und Zielsetzungen integrale Elemente des absoluten Bewusstseins sind und dass es nur um die Frage geht, ob man sich aus freier Entscheidung heraus in den Dienst der höheren Ordnung stellt, oder ob man sich die Freiheit heraus nimmt, jene für seine eigenen Zwecke instrumentalisieren zu wollen.

Da das Ego selbst ein Instrument der höheren Ordnung ist, steht es auch dann noch in deren Dienst, wenn es glaubt, sie austricksen zu können. Es ist stets selbst "ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft", wie es Goethe treffend im Faust den Mephisto formulieren lässt. Mit dem Bösen ist hier nichts anderes gemeint, als das abgespaltene Eigene. Diese Erfahrung musste auch ein gewisser Luzifer (Lichtbringer, von lateinisch lux = Licht und ferre = bringen) machen, der nur einen einzigen fatalen Fehler begangen hatte, der darin bestand zu glauben, er sei selbst das Licht, mit der Konsequenz, dass er vom Himmel in die Hölle verbannt wurde.

Das Ego ist also die Kraft, sich freiwillig für die Rolle eines gefallenen Engels zu entscheiden. Dabei besteht die Hölle nicht in den Handlungen selbst, sondern in der Illusion, man sei selbst der Handelnde. Dies sieht auch der indische Philosoph Ramana Maharshi so:

"Solange man glaubt, der Handelnde zu sein, gibt es Wünsche und Individualität. Wenn das verschwindet, leuchtet das Selbst auf. Die Vorstellung, der Handelnde zu sein, ist die Bindung, nicht die Handlung selbst."
Ramana Maharshi: Sei, was du bist!, 1. Aufl. München/Wien: O.W, Barth, 2001, S. 108

Ein höheres Gewahrsein zu entwickeln, bedeutet also letztlich, den Weg vom Ego zum Selbst zu gehen. Dabei machen wir die Erfahrung, dass alles Seiende sein Dasein einer ursprünglichen Quelle verdankt, einschließlich allem, was wir selbst sind und tun. Hieraus ergibt sich die neunte Definition:

Gewahrsein ist Selbstwahrnehmung als Wahrnehmung des Seienden selbst.

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen erhält die moderne Kult-Maxime vom Im-Hier-und-Jetzt-leben eine etwas andere Bedeutung als ihr gelegentlich beigemessen wird. Viele verbinden nämlich damit die Grundhaltung, konsequent dem Lustprinzip zu folgen. In einer Zeit, in der immer mehr Menschen unter den kollektiven Zwängen eines Realitätsprinzips leiden, das auf verschiedenen Ebenen totalitäre Züge angenommen hat, erscheint jemand, der stets nur das macht, wozu er Lust hat, als einer, der sich von diesen Zwängen befreit hat.

Gegen Zivilisationskrankheiten wie Burnout oder Depression scheint er immun zu sein, und solange er dem Lustprinzip frönen kann, übt er mit seiner lockeren Spontaneität oft eine große Anziehungskraft auf andere aus. Doch jedes Lustsystem, das sich ausschließlich am unmittelbaren Lustgewinn orientiert, verwandelt sich zwangsläufig irgendwann in ein Unlustsystem. Wer einmal ein Zimmer betreten hat, bei dem man nicht mehr erkennen kann, ob der Boden mit Teppich, Fliesen oder Holz belegt ist, kennt das.

Um dauerhaft mit Freude im Hier und Jetzt leben zu können, dürfen Vergangenheit und Zukunft natürlich nicht einfach ignoriert werden. Unser Gesamtsystem hat aber nicht nur jederzeit alle drei Zeitdimensionen im Auge, sondern auch die Konsequenzen unseres Handelns im kommunikativen Kontext. Über das Gewahrsein versorgt es uns dann mit den Impulsen, die unter Berücksichtigung aller Wirkfaktoren im jeweiligen Augenblick optimal sind.

Im Hier und Jetzt leben heißt also: jederzeit offen zu sein für das, was jetzt geschehen will, zum Besten des Ganzen - von dem wir ein individuelles, integrales Element sind - und dann auch in diesem Sinne zu handeln, im Bewusstsein, dass man ein Organ des übergeordneten Organismus ist, der vom absoluten Bewusstsein organisiert wird. In letzter Konsequenz bedeutet es die Befreiung von Angst durch die uneingeschränkte bewusste Bejahung des eigenen Schicksals, denn: Was hat der Mensch zu fürchten, der sein Schicksal will? Que sera, sera ...

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